Antworten von Betroffenen der dissoziativen Identitätsstruktur:

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Hey, meine Gedanken dazu...

ich bin nun nicht ganz seit 1,5 Jahren in Therapie und habe diese hauptsächlich gebraucht, um die Diagnose zu akzeptieren und im Alltag klarzukommen und auch diese beiden Sachen funktionieren eher mäßig.

Das klingt sehr normal. Es ist eine DIS, kein eingewachsener Zehennagel (obwohl der auch sehr nerven kann)... Soweit ich das bemerkt habe, gibt es in fast jedem System irgendwo eine Innenperson die zweifelt oder alles abstreitet. Ich befürchte, das wird ein Dauerthema bleiben...Im Alltag klarkommen hat eben damit zu tun, wie gut man das System kennt und wie gut alle zusammenarbeiten können. Das dauert logischerweise....1,5 Jahre reichen dafür sicher nicht.

Es gibt aber noch so viel darüber hinaus, was ich gerne in der Therapie bearbeiten würde.

Das klingt sehr gesund und mutig. Du kannst sehr stolz auf dich sein!

Ich bin einerseits enttäuscht von mir, dass ich die Therapie nicht besser nutzen konnte

Das ist ungesund und kommt nehme ich an nur daher, dass du denkst, das Kontingent sei wahrscheinlich doch angemessen und andere würden das vl besser hinbekommen etc. Nein, tun sie nicht, ich kenne jedenfalls keinen und uns kann auch keiner erzählen, dass 1,5 Jahre Therapie ausreichen sollen um jahrelange Traumatisierung auszugleichen, egal wie motiviert und hart man an sich arbeitet :roll: ...

wütend, dass das Kontingent so gering ist

Das klingt gesund, es ist auch eine Hohn.

Dann wiederum denke ich mir, dass es Leute gibt, denen es viel schlechter geht und es jetzt auch einfach mal gut sein müsste und ich klarkommen sollte.

Oh, den Gedanken kennen wir sehr gut, er funktioniert praktischerweise immer und gibt dem Opfer die Schuld. Es spricht dir auch deine Wahrnehmung ab. Es heißt nämlich übersetzt "stell dich nicht so an", "so schlimm ist das doch gar nicht", "das tut doch nicht weh" etc. , "andere machen das auch und die finden das nicht so schlimm" und so weiter. Täterlogik eben. Wir haben uns da mal ein absurdes Szenario überlegt, das uns zumindest ein bisschen geholfen hat, davon loszukommen, vl hilft es euch auch:
Stell dir vor zu bist in Deutschland, es nimmt dir wer deine Wohnung weg und du bekommst dafür ein Zelt.. vl noch mit den Worten "Pech gehabt". Jetzt bist du da im November in deinem Zelt irgendwo neben einer Brücke, frierst dir den ***** ab und neben dir schläft ein Obdachloser mit Schlafsack ohne Zelt.
Würdest du dir jetzt denken, "Oh, eigentlich ist eh alles in Ordnung, mir geht es ja e super. Dem da geht es ja viel schlechter als mir." Nein, hoffentlich nicht, ist es nämlich nicht. Du darfst dir genauso eine Wohnung wünschen und sie steht dir auch zu, so wie allen anderen auch. Nur weil dir jemand was wegnimmt (schadet) und dann jemand anderer noch blöder dran ist, heißt es nicht, dass du dich nicht beschweren darfst oder schlecht fühlen darfst oder kein Recht darauf hättest dich besser zu fühlen.
1,5 Jahre Therapie wären dann ungefähr so, als würde jemand sagen, ok, wir schicken dir den halben Winter einen Sozialarbeiter, der dir Tee bringt, damit du nicht erfrierst... die andere Hälfte des Winters wird dann hoffentlich wärmeres Wetter sein, ansonsten musst du dich halt mehr bewegen, das wirst du doch hinbekommen.

 Gleichzeitig habe ich Angst, wie es dann weitergehen soll und dass ich ohne Therapie gleich wieder "abstürze". Was mich dann wiederum zu der Angst vor einer Abhängigkeit zu meiner Therapeutin führt. Darüber hinaus habe ich das Gefühl dass ich immer noch dabei bin Vertrauen zu meiner Therapeutin aufzubauen und mir nicht vorstellen kann, wie das gehen soll wenn ich sie dann nur noch selten sehe. Auch das Gefühl, einfach "abgeschoben" zu werden ist grad sehr präsent.

Deine Angst ist sehr verständlich. Dazu gibt es denke ich mehrere Aspekte zu beleuchten.

Angst vor einer Abhängigkeit zu meiner Therapeutin führt. Darüber hinaus habe ich das Gefühl dass ich immer noch dabei bin Vertrauen zu meiner Therapeutin aufzubauen

Ich denke, diese Ambivalenz ist zum einen intelligent, zum anderen aufgrund ungesunder Erziehungsmuster entstanden. Ich spreche jetzt mal von uns, aber ich nehme an, dass es bei euch ähnlich sein könnte. Jemand hier hat die Aufgabe sicher zu stellen, dass Bindungen im außen nicht zu stark werden, damit wir eben ja nicht von anderen Menschen abhängig werden und so weiter. Das basiert auf negativen Erfahrungen und ist als Selbstschutz gedacht, was grundsätzlich früher auch klug und richtig war. Momentan macht es aber durchaus Sinn, diesen Schutz etwas abzugeben und zu erkennen, dass es doch auch Menschen gibt, die es vl gut mit einem meinen und der Beziehung eine Chance zu geben. Dazu gehört aber auch, dass man sich ein klein wenig in eine gefühlte "Abhängigkeit" begibt. Wenn man jemand mag, dann will man auch, dass die Person bleibt, besonders bei so empfindlichen Themen und schlechten Erfahrungen. So wie ich das lese, seid ihr da aber auf einem guten Weg und habt ja auch versucht euch immer mehr auf die Therapie einzulassen. Da habt ihr ja schon große Fortschritte gemacht...

wie das gehen soll wenn ich sie dann nur noch selten sehe. Auch das Gefühl, einfach "abgeschoben" zu werden
Wenn ihr keine Therapie macht, wie ihr es auch ohne diese schafft, an euch und euren Themen zu arbeiten.

Das sehe ich auch eher schwierig. Gibt es denn keine Möglichkeit, bei der Thera weiter zu bleiben und das privat zu bezahlen? Vl zu einem Sozialtarif, der irgendwie machbar ist? Was sagt denn eure Thera dazu, dass das Kontingent zu Ende geht?
Bei uns war es so, dass wir nach einem Jahr irgendwie kurz nicht weitergekommen sind, bis im Innen klar wurde, dass sich keiner öffnen möchte, weil manche Innenpersonen denken, dass ein halbes Jahr sowieso nicht ausreicht und sich das nicht lohnt, wenn die Thera dann weg ist. Als wir dann bemerkt haben, dass die Therapie weitergeht hat das im wahrsten Sinne des Wortes "Tür und Tor" geöffnet und manche Innies haben dann erst den Mut gefasst sich mal zu zeigen.

Wenn ihr keine Therapie macht, wie ihr es auch ohne diese schafft, an euch und euren Themen zu arbeiten.

Ich denke, das kann sehr individuell sein, es gibt durchaus auch Systeme, die keine Therapie machen und damit gut klarkommen.Man darf nicht vergessen, dass Therapie auch destabilisierend sein kann, weil eben Schwierigkeiten an die Oberfläche kommen. Also kann es durchaus sein, dass ihr euch funktionaler fühlt. Bei uns ist es so, dass wir mal ein Jahr Therapiepause hatten, dann aber die Flashbacks so heftig waren, dass wir uns doch wieder wen suchen mussten, weil wir einfach nicht mehr arbeitsfähig waren. Wir sind aktuell in der Therapie und für uns ist das extrem wichtig. Ich weiß aber auch, dass wir im Notfall nicht sterben würden. Die Amnesien würden wahrscheinlich wieder stärker, jeder würde so gut wie möglich seinen Job machen und im Überlebensmodus bleiben. Gesund wäre das für uns sicher nicht, aber machbar. Ehrlicherweise muss man aber dazusagen, dass der Austausch hier für uns auch eine echt große Stütze ist.

wie lange ihr schon Therapie macht und wie ihr diese nutzt

:hm wir machen jetzt Therapie seit 2007, jeweils mit Unterbrechungen von paar Monaten bis ca. 2 Jahren. Also insgesamt sind es jedenfalls zehn Jahre reine Therapiezeit. Ich wage zu behaupten, dass wir immer unser Bestes gegeben haben und tatsächlich immer so viel Energie und Zeit in Persönlichkeitsentwicklung (ein echter Wortwitz *:) ...) gesteckt haben, wie wir eben konnten. Aber es hat tatsächlich einige Jahre gedauert, bis wir überhaupt bemerkt haben, dass wir mehrere sind und das (scheinbar) nicht normal ist. Und dann nochmal einige Jahre, in denen wir mal so die grundlegenden Altlasten bearbeitet haben. Die Thera damals war zwar grundsätzlich super, aber hielt gar nichts vom "Mehrere-Sein" und wollte uns immer einreden, dass wir nur eine Person sind etc. (sie hat es sicher nicht böse gemeint, sie hatte einfach diesbezüglich keine Ahnung). Das hat aber dazu geführt, dass nur zwei von uns in Therapie waren, was irgendwann keinen Sinn mehr gemacht hat. Seit 1,5 Jahren sind wir jetzt erstmals alle in Therapie und obwohl wir schon als "Mehrere" hingegangen sind und das auch so artikuliert haben wussten wir noch gar nicht, dass das eine Diagnose ist und dass das etwas ist, was es gibt *:). Auch von den Tätern konnten wir uns dann erst tatsächlich lösen (sag ich mal so... das ist ja doch auch ein wesentlicher Teil der Arbeit) Ich würde sagen, wir sind gerade so, dass wir beginnen tiefer in die Auseinandersetzung mit uns einzutauchen und mehr zu verstehen, aber arbeiten hauptsächlich noch immer an Stabilisierung, Alltagsproblemen und so weiter. Traumainhalte sind natürlich Thema und werden auch bearbeitet, wenn sie akut sind, aber in der tatsächlichen "Trauma-Integrationsphase" (oder wie auch immer man das nach Lehrbuch nennt) sind wir noch nicht.

So, das ist etwas lang geworden, ich hoffe es ist halbwegs verständlich.
Liebe Grüße

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 wir finden auch, dass es völlig normal ist, dass 1,5 jahre nicht ausreichen. Bei uns sind es aktuell 6 Jahre. Ich habe auch irgendwo mal gelesen (Michaela Huber?), dass das ideale Therapieangebot / der durchschnittl. Therapiebedarf bei DIS bei 10 Jahren mit wöchentlichen 2-3 Sitzungen liegt.

Was wir aber ganz wichtig finden, ist der Hinweis: das Kontigent ist nur ein Richtwert und die Kasse ist eigentlich verpflichtet, weiter zu bezahlen, wenn dieses nicht ausreicht. Diese 2 Jahre Wartefrist gibt es gesetztlich gar nicht. Man muss einen Antrag stellen, der oft erstmal proforma abgelehnt wird und dann in Widerspruch gehen. Du brauchst eine Therapeutin, die bereit sich zu engagieren mit Bericht schreiben / Widerspruch schreiben. Auch andere Gutachten z.b. von Psychiaterin oder weiterem Helfernetz können hilfreich sein. Aber es gibt den Weg definitiv, dass man auch über das Kontingent hinaus Stunden bewilligt bekommen kann. Wir sind diesen Weg auch gegangen und haben nochmal 80 Stunden (psychoanalyse) bewilligt bekommen.

man findet hier ein paar Informationen: http://www.initiative-phoenix.de/
und hier ein entsprechendes Urteil dazu, gerade in Bezug auf DIS: http://www.initiative-phoenix.de/attach ... 326-13.pdf, auf das man sich auch berufen könnte bei einem Widerspruch..
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Wie lange macht ihr Therapie / gelingt es ohne?

Ich mag nur auf die Eingangsfrage eingehen, weil ich für mich momentan einen Weg gefunden habe.
Es ist eine Momentaufnahme und bestimmt sieht das nicht jedes Ich in mir so...ich mags trotzdem mal versuchen

Mit Unterbrechungen war ich ungefähr 19 Jahre in therapeutischer Behandlung, ambulanter Psychotherapie (immer tiefen), vollstationär, Tagesklinik, Reha-Maßnahmen, Traumatherapie, auch medikamentös wurde versucht mich einzustellen (ohne Erfolg).

Jetzt bin ich ganz ohne therapeutische Unterstützung, erlebe aber vieles, was mir therapeutischen Beistand gibt:
- ein nicht mehr vergiftetes Umfeld
- regelmäßige Tätigkeit
- Austausch mit anderen Betroffenen
- theoretisches Wissen zu Problembereichen aneignen
- prüfen, was anderen hilft und was ich noch ausprobeiren könnte
- feste Rituale
- keine starre Lebensweise und agil drauf reagieren, wenn was schief läuft
- schauen, dass der Körper ein Mindestmaß an Wertschätzung erfährt
- ein Partner der mir beisteht und mich wieder verankert, wenn ich wegdrifte oder mich so nimmt wie mein "ich" gerade ist
- Sicherheit generieren im Außen wie im Innen
- Zuhören lernen, was versucht wird einem mitzuteilen im Innen
- akzeptieren, wie es gerade ist und das Wissen darum, dass es wieder anders wird
und so weiter.

Ich kann die Einschläge die von innen und Außen kommen, mittlerweile besser wahrnehmen, auch dass es Phasen sein können.
Und hey, offensichtlich lebe ich+ ja noch, also hab ich was nicht ganz verkehrt gemacht?

Viele Steinchen bauen das Schloß und auch wenn ich weiß, dass wir irgendwann wieder in die Therapie gehen werden, weiß ich, dass ich+ schon sehr viel geschafft habe.
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